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mother! (2017)

Ein Experiment von genialster Brutalität

Wenn man nach Darren Aronofskys mother! das Kino verlässt, dann wankend in Körper, Geist und Seele. Genau so fühlt es sich an, wenn ein Film wie eine Waffe benutzt wird, die sich gegen das Publikum richtet und gleichzeitig da ist, um seine heilige menschliche Integrität zu beschützen. Wahrlich, mother! ist eine Schrotflinte, deren Munition einem direkt ins Gesicht geschossen wird und deren Blei vorher in existenzialistische Säure ganzer Philosophengenerationen getaucht wurde, damit sie sich durch das Fleisch frisst, durch die Muskeln und Sehnen, das Fett und die Blutgefäße, bis es da ankommt, wo Aronofsky es haben will: im Kopf, im Herzen und tief, tief in den Eingeweiden.

Im Gewand eines Psychothrillers schleicht sich Aronofsky mit seiner Flinte an. Doch schon der Titel zeigt, dass hier etwas anderes passiert. Das Ausrufezeichen hinter mother ist es, das schon von Anfang an eine Markierung setzt, dass dieser Film nicht das ist, was seine Synopsis glauben macht. Und so beginnt auch der Film mit einer weiteren Markierung. Das zerschlagene Gesicht einer jungen Frau geht in Flammen auf, nachdem es noch eine letzte Träne geweint hat. Dann ein anderes Gesicht. Ein männliches, welches einen Kristall auf einen silbernen Ständer setzt und plötzlich, als würde die Zeit rückwärts laufen, ist alles, was in Flammen aufging repariert und geheilt. Das große Haus baut sich wieder auf. Die Küche, die Zimmer, die Bäder bis hin zum Schlafzimmer, in dem SIE (Jennifer Lawrence, deren Filmrolle wie alle anderen keinen Eigennamen hat) liegt und schläft. Als sie erwacht, sucht sie jemanden. Doch sie ist allein, das Haus groß, unheimlich. Es knarrt und knarzt, es hat ein Eigenleben. Aber eben nicht im Sinne alter Geister, die in Ecken lauern. Das Haus lebt. Sie macht es lebendig. Seit Monaten, vielleicht Jahren baut sie es ganz allein wieder auf. Sie spachtelt die Wände, sie baut, sie putzt, richtet ein. Sie baut ein Haus, ein Zuhause. Für sich und vor allem für IHN, den Dichter (Javier Bardem), der, nachdem sein ganzes Leben in Flammen aufging, nicht mehr schreiben kann. Ihm fehlt die Inspiration, sagt er. Sie gibt ihm derweil alle Liebe, alle Fürsorge und einen sicheren Ort in ihrem gemeinsamen Haus.

Eines Tages kommt ein BESUCHER (Ed Harris), den er in das gemeinsame Haus einlädt. Ohne sie zu fragen, bietet er ihm an, einzuziehen. Sie ist verstört - und der Besucher verschafft sich sofort Platz in ihrem gemeinsamen, intimen Nest. Und nach ihm kommt seine FRAU (Michelle Pfeiffer), ebenfalls unangekündigt und überaus aufdringlich. Sie machen sich breit, als gehöre ihnen alles. Und der Dichter teilt freimütig, was seine Frau geschaffen hat - ohne sie jemals zu fragen. Doch bald laufen die Dinge noch mehr aus dem Ruder. In seinem Arbeitszimmer steht sein größter Schatz, ein Kristall auf einem silbernen Ständer, den er aus der Asche nach dem Hausbrand geborgen hat. Die Gäste lassen ihn fallen und zerstören ihn. Und dann preschen ihre Söhne durch die Haustür. Sie prügeln sich, zerstören die Einrichtung - und plötzlich fließt Blut.

All diese Menschen, alle Ereignisse sind nicht wortwörtlich zu verstehen. mother! ist, ganz ähnlich wie beispielsweise The Fountain, ein hochkonzeptioneller Film, dessen Geschichte und Inhalte ausschließlich als Metaphern oder Allegorien zu verstehen sind. Hier hat Aronofsky eine Geschichte erschaffen, die nichts Geringeres leistet, als sich mit dem gesamten Kosmos der menschlichen Existenz zu beschäftigen. Dies tut er, indem seine Geschichten und ProtagonistInnen nicht nur für verschiedene Ideen stehen, sondern indem er auf psychologischer, intellektueller, aber auch viszeraler Ebene Trigger setzt, die den Zuschauer zwingen, sich entweder vollkommen von diesem Werk abzuwenden und es zu verlachen, vielleicht sogar zu verachten, oder sich darauf einzulassen. Dieses Einlassen bedeutet, die Dutzenden kleinen und großen Metaphern, Bruchstücke und Referenzen zu nehmen und sie zu schlucken. Wissend, dass sie sich im Inneren von Herz, Eingeweiden und Intellekt verbinden werden zu etwas Anderem, Größerem. Genau dies vollbringt mother! mit einer in Aronofsys Werken bisher noch nicht dagewesenen Konsequenz und Brutalität, die das Feuer, das er hier entfacht, sich alsbald wie einen Flächenbrand ausbreiten lässt, der schließlich alles in Brand setzt.

Es gibt wahrlich kaum einen Aspekt der menschlichen Existenz und ihrer philosophischen Behandlung, den Aronofskys Metaphern nicht inkorporieren. Besonderes Augenmerk legt er aber auf SIE. Die Kamera ist subjektiv und zeigt die Ereignisse ausschließlich aus ihrer Perspektive. Die Hälfte der gesamten Laufzeit des Filmes ist sie ganz nah auf Jennifer Lawrences Gesicht gerichtet. Sie ist die metaphorische Mutter, am Anfang noch ohne Ausrufezeichen, eine junge Frau, eine Liebhaberin, Künstlerin, Heilerin, Gefährtin. Sie ist das Wasser, die Erde, die Luft. Er ist das Feuer. Der Dichter, der konsumieren und verschlingen muss, um produzieren zu können. Sie ist die Mutter seiner Kunst, seines Hauses und bald auch seines Sohnes. Er ist die Kunst, die Passion, die sich (er)nähren muss. Sie ist der Busen. Und alsbald, als er genug genommen hat und wieder dichten kann, inspiriert von einer biblischen Urszene, die sich in seinem Haus abspielt, wird er der neue Messias für die Jünger seiner Kunst, die ihn verehren und sie verzehren.

Spätestens hier verwandelt sich mother! in einen Fiebertraum, wie ihn nur ein Hiernonymus Bosch hätte haben können, der schnell epische, weltumfassende Ausmaße annimmt, die alle apokalyptischen Ängste der Menschheit heraufbeschwören und gleichzeitig sie als Markierung für die Einsamkeit und Angst jedes Einzelnen setzen. Diese Fieberträume wechseln sich ab mit Sequenzen, die ganz wie Ingmar Bergman die stickige Einsamkeit in leeren Räumen heraufbeschwören. Die nahtlose Kamera-Arbeit, der stets perfekte, oft kaum wahrnehmbare Score füllen die Leere mit Gefühlen von Beklemmung.

Nicht nur der Blick des Films ist subjektiv, auch der Ton. Man hört mit ihren Ohren, die manchmal nur noch dumpf wahrnehmen, weil ihr schwindelig ist. Ein Tinnitus begleitet sie und das Publikum in unausprechbaren Momenten - gerade so, als wolle er verhindern, dass wir hören, was geschieht. Doch umsonst, dieser Traum ist längst außer Kontrolle, also genau da, wo er hinsoll, wo Albtraumlogiken die Welt aus den Angeln heben. Denn nur hier, wo die Logik zu existieren aufhört , kann Aronofskys beginnen, sich in seine Figuren und in das Publikum hineinzufressen, für Unruhe und Nachdenken zu sorgen.

Genau das macht mother! so faszinierend. Es ist ein Experiment von genialster Brutalität, welches gleichsam ein sehr verwundbares Gebilde darstellt. Es ist ein Leichtes, den Film zu verwerfen, sich ihm zu verweigern. Es ist einfach, ihn hinfortzuwischen. Doch allein schon für den Mut, so radikal zu arbeiten und sich selbst dabei so offen und schutzlos zu präsentieren, muss man vor Aronofsky den Hut ziehen. mother! ist ein Werk, das grandios scheitert, wenn es scheitert, oder eben grandios ist, wenn man in ihm aufgeht. Aber wie auch immer es für den Einzelnen ausgehen mag, es ist ein Film, der sein Ausrufezeichen ernst meint - und der es auch verdient.

(Beatrice Behn)


CAST & CREW

Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Kamera: Matthew Libatique
Schnitt: Andrew Weisblum
Musik: Jóhann Jóhannsson
Hauptdarsteller: Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Kristen Wiig, Jennifer Lawrence, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson

DATEN & FAKTEN

Produktionsland: USA
Productionsjahr: 2017
Länge: 116 (Min.)
Verleih: Paramount Pictures Germany
Kinostart: 14.09.2017

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2.9 Sterne aus 38 Bewertungen

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Bisherige Meinungen

Von: S.K. am: 24.09.2017

Ich habe noch nie einen derart schwachsinnigen und sinnlosen Film, gesehen!!! Die Handlung ist so wirr und unlogisch, daß man nur noch denkt, wann ist der Film endlich zu Ende. Die Kritiken und auch der Trailer sahen vielversprechend aus. Auch die Hauptdarsteller machten Mut, sich den Film anzusehen. Doch man wird bitter enttäuscht. Schade um das Eintrittsgeld!!!!!


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Quelle: AG Kino

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