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Die dunkelste Stunde

Originaltitel: Darkest Hour
Kinostart: 18.01.2018
FSK: 6
Genre: Drama, Historienfilm
Tags: Zweiter Weltkrieg, Großbritannien, Invasion, Winston Churchill, Drittes Reich

Ein britischer Staatsmann

Winston Churchill ist gerade en vogue. Erst kam 2017 das Biopic Churchill in die Kinos, natürlich ist er – verkörpert von John Lithgow – in der Serie The Crown zu sehen und nun verkörpert Gary Oldman den britischen Staatsmann in Die dunkelste Stunde. Und fraglos überzeugt sein Porträt in der körperlichen Ähnlichkeit: Fünf Stunden saß Oldman dafür pro Drehtag in der Maske. Für das überzeugende prosthetics Make-up ist Kazuhiro Tsuji verantwortlich, dessen Arbeit u.a. bei Planet der Affen, Der seltsame Fall des Benjamin Button und Looper beeindruckte. Auch hier verschwindet Oldman nahezu völlig in diesem Make-up, komplettiert dies durch Gestik und Mimik – und wird daher folgerichtig als Oscar-Kandidat gehandelt. Schließlich neigen die Mitglieder der Academy ohnehin dazu, körperliches Ähnlichkeitsschauspiel auszuzeichnen.

In Die dunkelste Stunde konzentriert sich Joe Wright auf Churchills erste Wochen als britischer Premierminister im Mai 1940. Neville Chamberlain (Ronald Pickup) wurde durch die Androhung, ihm das Vertrauen zu entziehen, zum Rücktritt gezwungen. Als Nachfolger kommen nur Churchill oder Lord Halifax in Frage, welcher aber ebenfalls Appeasementpolitiker ist. Deshalb wird Churchill, der diesen politischen Weg seit Jahren kritisiert hat und den auch die Opposition anerkennen wird, der Vorzug gegeben. Aber auf ihn warten einige Kämpfe: Nazi-Deutschland droht Frankreich einzunehmen, King George VI. (Ben Mendelsohn) zeigt sich gegenüber Churchill skeptisch und Churchills eigene Partei intrigiert gegen ihn, weil Chamberlain immer noch über ausreichend Einfluss verfügt und weite Teile glauben, dass ein Friedensabkommen mit Hitler-Deutschland der einzige Weg sei. Churchill ist indes überzeugt, dass Großbritannien durch dieses Abkommen zur Marionette der Deutschen wird und will in den Krieg ziehen – notfalls von Übersee aus.

Diese komplexe politische Lage der damaligen Zeit wird von dem Drehbuch von Anthony McCarten (Die Erfindung der Wahrheit) sicherlich vereinfacht, aber es gelingt ihm damit nachvollziehen zu lassen, worum es 1940 wirklich ging – und wie groß die Angst vor einem weiteren Krieg in England war. Dabei ordnet sich der Film um Churchills drei Reden, mit denen er die britische Bevölkerung während des Jahres 1940 stärken wollte – Blood, Toil, Tears and Sweat; Their Finest Hour; We Shall Fight on the Beaches – und den damit verbundenen Entscheidungen im Vorfeld und Nachhinein.

Im Kern steht damit die Frage, ob England in den Krieg ziehen wird, um seine Unabhängigkeit und auch die Freiheit zu verteidigen. Daher ist es verwunderlich, dass Joe Wright, der bisher insbesondere in seinen Literaturadaptionen ein erstaunliches Maß an Aktualität in Werke wie Anna Karenina gebracht hat, nicht versucht, eine weitere Ebene in diesen Film einzuziehen, die sich auf die Gegenwart bezieht. Immerhin hält Churchill Reden über die Verantwortung, die England für Europa trägt, gerade in diesen dunklen Stunden, für die Stellung Englands als Hüterin der Demokratie und Freiheit, während sich England doch durch den Brexit genau dieser Verantwortung entzieht. Stattdessen aber wird mit diesen Reden und manchen Inszenierungen – bspw. den Luftaufnahmen und einer Sequenz in der U-Bahn – in Vergangenem geschwelt und ein Pathos beschworen, das längst mehr als brüchig ist, so dass man sich letztlich unweigerlich fragt, ob Churchill denn wirklich die dunkelste Stunde in der britischen Geschichte abgewandt hat.

Aber Die dunkelste Stunde will vor allem ein Porträt des britischen Politikers sein. Deshalb entscheiden sich Wright und McCarten wie schon Jonathan Teplitzky in Churchill dafür, den ersten Blick auf Churchill aus der Unwissenheit einer neuen Privatsekretärin zu ermöglichen. Elizabeth Layton (Lily James) tritt ihre Stelle an und wird von einem Mitarbeiter in dessen Eigenheiten eingewiesen, welches den ersten lauten und polternden Auftritt des Politikers einläutet. Ist es bei Churchill der Verlobte der Privatsekretärin, der ihn zu der richtigen Entscheidung bringt, ist es hier der Bruder, der ihn an das gemeine Volk erinnert – und natürlich sorgt seine Sekretärin dafür, dass er das Victory-Zeichen richtig herum verwendet. Durch sie werden Churchills Marotten und sein despotisches Verhalten erklärt, dagegen unterstreichen seine politischen Gegenspieler in erster Linie seinen Mut und seine Unbeirrbarkeit – mit dem Wissen um den Ausgang der Geschichte im Hintergrund. Abgerundet soll dieses Porträt dann noch mit einigen Einblicken in Churchills Privatleben werden, dieses Mal verkörpert Kristin Scott Thomas die undankbare Rolle seiner Ehefrau Clementine, die vor allem dazu dient, seine Unsicherheit anzusprechen. Aber auch eine Schauspielerin wie sie kann aus dieser Rolle nicht mehr herausholen. Denn natürlich dreht sich hier alles um Churchill, um diesen polternden Mann, der nie um eine Erwiderung verlegen ist.

Ist Die dunkelste Stunde aufgrund des schauspielerischen Talents, der besseren Inszenierung gerade in Bild- und Tongestaltung weitaus besser als Churchill, fehlen letztlich aber auch in diesem Film die Nuancen, die verhindern, dass das Porträt dann doch mit fortschreitender Laufzeit immer mehr zu einer Heldenverehrung wird, die angesichts der historischen Person kaum belastbar erscheint. Sicherlich gibt es gerade anfangs einige komische und skurrile Momente, je dramatischer aber die Umstände werden, desto größer wird die Verehrung. Und deshalb bleibt auch nach diesem Churchill-Film die Erkenntnis, dass es weiterhin ausreichend Platz für einen kritischen Film über den britischen Staatsmann gibt.

(Sonja Hartl)


CAST & CREW

Regie: Joe Wright
Drehbuch: Anthony McCarten
Kamera: Bruno Delbonnel
Schnitt: Valerio Bonelli
Musik: Dario Marianelli
Hauptdarsteller: Kristin Scott Thomas, Stephen Dillane, Gary Oldman, Ben Mendelsohn, Ronald Pickup, Lily James

DATEN & FAKTEN

Produktionsland: Großbritannien
Productionsjahr: 2017
Länge: 125 (Min.)
Verleih: Universal Pictures International Germany
Kinostart: 18.01.2018

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